In Wirklichkeit ist alles anders

 

In Wirklichkeit ein Massenmörder,

War einst ein Führer sehr beliebt:

Er schürte Hass und lobte Dummheit,

Weil Dummheit Schuld auf andre schiebt.

 

In Wirklichkeit gibt's Kinderglück

Und stille, weise alte Frauen,

Und Wasserfälle, Sternenklang,

Und Liebeslust auf grünen Auen.

 

Die Wirklichkeit hat viel mehr Tiefgang,

Als uns die Tagesschau erzählt.

In Wirklichkeit verdienen Bonzen

Am Kriegsgerät, das Völker quält.

 

In Wirklichkeit lebt eine Sehnsucht,

Die über alle Zeiten reicht,

In Wirklichkeit erhebt sich Seele

In weite Räume licht und leicht.

 

In Wahrheit ist der Kaiser nicht so heilig,

Wie ihn die Propaganda fleißig malt.

Es widerlegt der Grimm des Volkes

Die Einigkeit, mit der er täglich prahlt.

 

In Wirklichkeit ist wahre Liebe

In sanfter Engels-Augen Glanz.

In Wirklichkeit ist zarte Reinheit

Im morgendlichen Elfentanz.

 

In Wirklichkeit versinken unsre Städte

In einem Sumpf aus Laster und Gewalt.

In Wirklichkeit verrohen unsre Sitten

Im Matsch, der aus den Medien schwallt.

 

In Wirklichkeit belohnt der Himmel

Das reine Herz, den klaren Sinn,

Die gute Tat, den echten Fleiß,

Den Gärtner und die Gärtnerin.

 

Wir tanzen um das goldne Kalb,

Die blutverschmierte Röchelglotze,

Denn was sie uns entgegenschreit,

Ist blankes Sexualgeprotze.

 

In Wirklichkeit sind blaue Meere,

Und Wolkenbilder, Zeit und Raum,

Und Blütenpracht und Zärtlichkeiten

Und Ich und Du, ein Liebestraum.

 

Man muss den Feind beim Namen nennen,

In seinem eignen rohen Geist;

Den Serienkiller, Halsaufschlitzer,

Den Wichsergott, der Wahnsinn heißt.

 

In Wirklichkeit ist alles da,

Der Aufgang und der Untergang,

Die Rettung aus den Sündentiefen

Und auch der große Abgesang.

 

In Wirklichkeit rumoren Teufel,

Die uns mit schneller Lust betören.

Es walten aber höhere Gesetze,

Die ihren Untergang beschwören.


Wo findest Du die Wirklichkeit,

Die ich in diesen Zeilen meine?

Du findest sie nur in Dir selbst:

Sie ist in Ewigkeit die Deine.


 

 

                                                                                   - Eckehard Junge, 1997

                                                 Zuletzt überarbeitet am 22.10.2005

 

                                                                       Copyright © 1997, 2005 Eckehard Junge

                                                                                         Foto: Martin Jahn, München