Weisheit um Mitternacht

 

Herr Müller trinkt das kühle Bier,

Es rinnt durch seinen Schlund;

Er sitzt schon viele Stunden hier

Und bleibt noch manche Stund.

Er sucht das Leben zu vergessen,

Das ihm so übel mitgespielt.

Das Glück schien ihm nicht reich bemessen,

Er hat sich oft im Pech gesielt.

Die Wirtin eilt mit drallem Busen,

Es weht ein parfümierter Wind;

Er würde gern mal mit ihr schmusen,

Doch leider hat er Weib und Kind.

Sein Zechkumpan wird immer schwächer

Und kratzt sich traurig hinterm Ohr;

Herr Müller hebt den vollen Becher

Und holt den alten Wahlspruch vor:

„Das Leben ist ein Würfelspiel,

Wir würfeln alle Tage;

Dem einen bringt das Schicksal viel,

Dem andern wird’s zur Plage.“

Als Müller dieses Wort gesprochen,

Da wurde es ganz still im Saal;

Gespräche wurden unterbrochen,

Die Kneipe wird zum Jammertal.

Da räuspert sich ein alter Mann

Mit leuchtend weißen Haaren

Und trägt, so schön er sprechen kann,

Die Weisheit vor aus langen Jahren:

„Das Leben ist ein Kinderspiel

Für den, der seine Regeln kennt;

Ein jeder kommt zu seinem Ziel,

Wenn er es nur beim Namen nennt.

Drum schimpf nicht auf die schlechten Zeiten;

Es gibt so viele schöne Sachen!

Die Welt ist voller Möglichkeiten,

Du musst nur selber was draus machen!“

Da bricht ein Sturm von Beifall aus,

Die Musikbox ertönt aufs Neue;

Die Gläser klingen froh durchs Haus;

Herrn Müller trifft der Schlag der Reue.

Er schleicht sich leise an die Luft,

Geht staunend durch die Sommernacht

Und sieht den Mond und riecht den Duft

– Und plötzlich hat er laut gelacht.

Er steht und lacht mit lautem Schall:

„Ich alter Narr – es geht ja wieder!“

Dann lauscht er still der Nachtigall

Und steckt die Nase in den Flieder.

Er wandelt heim in purer Lust

Und denkt an Freunde nah und fern

Und singt ein Lied aus voller Brust

Und hat das Leben wieder gern.

Eckehard Junge, 14. Februar 1981

 

Copyright © 1981, 2007 Eckehard Junge

Artwork © 2007 Eckehard Junge

Anmerkung vom 6. September 2007: Die fatalistischen vier Verszeilen über das Leben als "Würfelspiel" waren mir aus der Kindheit gut bekannt durch jemanden, der den zweiten Weltkrieg mitsamt seinen bitteren, nachhaltigen Folgen miterlebt hatte. Dieser Spruch hatte für mich auch immer einen resignierten, theatralischen, tränenvollen und deprimierenden Beigeschmack. Was mir bis auf den heutigen Tag nicht bekannt war, ist der Ursprung dieses Liedes, das nämlich mitsamt einer Reihe weiterer Strophen 1935 zu Zeiten des Führerkults entstanden ist und in der Bundeswehr weitergesungen wird. Den kompletten Text des Soldatenliedes finden Sie unter http://www.volksliederarchiv.de/text1172.html. Da steht auch: "Doch Furcht, die ist uns unbekannt,/Wie auch die Würfel liegen./Wir kämpfen für das Vaterland/Und glauben, dass wir siegen." - Glauben ist gut. Aber nicht an etwas, wenn uns der Glaube von außen aufgezwungen wird.