Auf der Seufzerbrücke

Wenn Sie nicht wissen, was Sie hier wollen,

Und niemandem mehr die Achtung zollen,

Die er aufs Schärfste von Ihnen verlangt –

Wie wollen Sie dann noch weiterleben

Und Kirche und Staat das Gewünschte geben,

An Leib und Seele schließlich erkrankt?

 

Wenn Ihre Gedanken sich unklar vermischen,

Aus düsteren Ecken Gespenster zischen,

Und Hosen partout von der Taille rutschen –

Wie wollen Sie da noch die Welt verbessern,

Trutzig entblößt allen Pfeilen und Messern,

Die grimmig durch Luft und Äther flutschen?

 

Wenn Beine schon wanken, der Bauch nur noch kneift,

Der eigene Stursinn ins Leere nur greift

Und niemand die Klagen mehr hören will –

Dann muss sich der alte Knacker entscheiden,

Die Klappe zu halten und all seine Leiden

Im Griff zu behalten, ganz leise und still.

 

Wenn ferne Ufer noch sehnsüchtig winken,

Wenn Lichter des Lebens noch hoffnungsvoll blinken

Und herrliche Sonne die Bäume noch tränkt –

Dann lohnt sich wohl doch die Bekämpfung des Übels,

Das Waschen der Wäsche, das Leeren des Kübels,

Die Reise ins Schöne, das Gott uns noch schenkt.

 

                                      Eckehard Junge, 31. Mai 2006

 

 

Copyright © 2006 Eckehard Junge

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Weitere Gedichte

Gemälde: Sandro Botticelli, Selbstbildnis; 

ein Detail aus "Die Anbetung der Könige" (1476/77)

In seinem für die Kirche Santa Maria Novella geschaffenen Bild Die Anbetung der Könige (um 1476-1477, Uffizien, Florenz) ähneln einige Figuren auffällig verschiedenen Mitgliedern der Medici-Familie, und auch sein Selbstbildnis wagte der Maler rechts unten einzufügen. Die Beziehungen zu den Medici verschafften Botticelli nicht nur zahlreiche Gemäldeaufträge, sondern brachten ihn auch in Kontakt mit dem gebildeten humanistischen Kreis aus Künstlern und Intellektuellen am Hofe Lorenzos de Medici, der eine Verbindung antiken und christlichen Gedankenguts anstrebte.