Selig sind die Nullen

 

Selig sind, die da geistlich arm sind,

Gesegnet sind die Armen im Geiste,

Und wenn wir das wörtlich so verstehen,

Dann müssten wir es so besehen:

Selig sind, die nicht philosophieren,

Sich nicht bei jeder Gelegenheit zieren,

Sich nicht wegen Nichtigkeiten entzweien,

Unbeleckt von den Komplexitäten,

Unbeeindruckt von Prioritäten,

Unbelehrt durch Haarspaltereien,

Niemals erfolgreich analysiert,

Niemals durchleuchtet, niemals seziert

Und stets in Einfachheit so belassen,

Belassen in ihrer ursprünglichen Kraft,

Wie ein unwissbar genannter Schöpfer

Sie einst erschuf und laufend erschafft.

 

Selig sind die willigen Geschöpfe,

Die fleißigen Bauern und irdenen Töpfe,

Die Unkomplizierten und Eingebornen,

Die einmal als Ganzes geschmiedeten Wesen,

Die einheitlich knapp und kurz Geschornen,

Die nur in wenigen Büchern lesen,

Zum simplen Handeln gestellt in die Welt,

Zum Nachdenken niemals gemacht und gedacht,

Frei von den Lastern des Hinterfragens

- Und somit, wie es uns heute scheint,

Gefährlich lenkbar im Sinne der Macher,

Verspottet im Kreise der gierigen Lacher.

 

Selig sind die Unterjochten,

Die niemals auf ihre Rechte pochten,

Selig sind die duldenden Patienten,

Vertrauensvolle Pillenschlucker,

Empfänger mühsam ersparter Renten,

Ahnungslose Fernsehgucker

Und fügsame Versuchskaninchen,

All die Fränzchen und Kathrinchen,

Die ohne Murren den bitteren Kelch

Aus flinken Apothekerhänden

Im Geiste der Demut zur Neige trinken

Und ihr schon längst entmündigtes Leben

Sozialverträglich früh beenden,

Zwar ohne in Trübsal zu versinken,

Doch ohne nach Höherem je zu streben

Und ohne sich jemals Gedanken zu machen,

Obwohl sie dabei aus den Fugen krachen.

 

Als Leichenwagen entpuppt sich die Welt,

Die real existiert unterm Himmelszelt,

Zynisch und schmerzhaft, lüstern und brach;

Hier wird die Einfachheit zur Schmach,

Und simpel werden wir heut nicht mehr froh.

- Was einst der Erleuchtende segnend versprach,

Uns Heutigen klingt es im Klartext nur so:

 

Selig sind die Doofen

Und ausgebeutet sind die Seligen.

Geschoren sind die Lämmer,

Betrogen sind die Arglosen,

Gebraten sind die Schafe,

Niedergemetzelt sind die Helden,

Ausgenutzt sind die Unwissenden

Und geschröpft sind die Dienstfertigen,

Leidend wächst die Schar der Anfälligen

Und abgeschottet bleiben die Heiligen.

 

Schön wär’s gewesen, wenn Liebe regierte,

Wenn über den Simplen nicht Habsucht diktierte,

Wenn urige Pimpfe die himmlische Wonne

Im Freudenglanz einer gütigen Sonne

Auch hier auf Erden verwirklichen dürften

Und lustig blieben in einfacher Freiheit,

In Biergärten köstliche Biere schlürften,

Sich nächtlich vergnügten in zärtlicher Zweiheit,

Auf Fischmärkten feilschten, üppig und froh,

Beim Glockenklang der Zwiebeltürme

Und abseits aller Weltenstürme,

Bescheiden im Nehmen und freudig im Geben,

Arm an Gedanken und saftig am Leben.

 

Doch leider wird des Wahnsinns fette Beute

Die schwärmerisch selig gepriesene Meute

Der geistig Verarmten und geistlich Armen,

Das irdische Unheil kennt kein Erbarmen.

Denn Macht- und Raffgier der Ölmagnaten,

Kriegspropaganda der Sündhaften Staaten,

Zynisches Pornographenkomplott

Und giftiges Pharmazeutenkompott

Verdarben schon längst die Wonne des Wahren,

Des Freien und Schönen, Einfachen, Klaren ...

Und deshalb erklingt des Lichtvollen sonniger Segen

Wie blanker Hohn uns Düpierten im strömenden Regen.

 

Doch selig bleibt freilich der Urgrund des Seins

Auch ohne das Funkeln des trübenden Weins.

Und hätte Er wirklich Nullen gesagt,

Dann wären jetzt nicht die Pullen gefragt,

Denn Null wäre Sinnbild für lauteres Sein,

Dort wo man nur ist und nicht unbedingt hat,

In Einfachheit klar, in der Seele ganz rein,

Als jederzeit unbeschriebenes Blatt.

 

Hier hat sich Luther vermutlich geirrt

Und leider die Christenheit gründlich verwirrt.

Selig sind nicht, die da arm sind im Geiste,

Sondern die Armen sind selig im Geiste.

Der Heilige Geist hat somit Erbarmen:

Der Geist ist das Königreich der Armen.

Ob äußerer Reichtum, ob Gut und Geld:

Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

                                                              

Eckehard Junge, 5. Mai 2006

Zweite Fassung vom 20. Juni 2006

Copyright © 2006 Eckehard Junge

Foto: Martin Jahn, München

 

 

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