Das bekämpfte Selbst

 

Wir zittern und heulen und wissen nicht ein noch aus,

Wie sie denn endlich zu bannen sei, die Schwarze Seite der Würglichkeit?

Denn dort wabert sie stets an deiner Wahrnehmung Saum und erneuert die Unlust.

Wuchernd sind ihre Ausgeburten, und laut erschallt der Ruf nach dem Drachentöter.

Wir hoffen, ein Terminator weilt noch hienieden, und wenden entsetzt unser Antlitz.

Wird die Schwarze Seite jedoch geleugnet, dann wächst sie im Dunkeln und beißt.

Allzu leicht gerät in ihren Bann, wer gründlich sie zu erforschen sucht,

Und mag er auch seine Helligkeit wahren, vergrübelt er doch das Beste seiner Zeit.

Hier gilt es Maß und Gleichgewicht zu halten;

Ruhig lebe der Mensch für Wahrheit, Freiheit und Klarheit.

Wohldurchdacht widme er seine Kraft der Umsetzung schöner Werte,

Ohne Rückblick auf Gegensätze, auf Wirrnis, Lüge und Sklaverei.

 

Betonst du Wirrnis, Lüge und Sklaverei, stärkst du zugleich die Kunde von ihrer Macht.

Dieses Elend befällt dich, den edlen Vernichter des Übels,

Selbst wenn du vieles aufdeckst, entlarvst und durchleuchtest.

Du hackst auf dem Bösen herum. Dein Wille gereicht dir zur Ehre.

Um aber dieses zu tun, muss es das Böse überhaupt geben.

Darum betrachte die Welt mit den Augen des Kindes:

Denn wer sich als Feind des vermeintlichen Übels hervortut, ist oft der Erzeuger.

Oft gab er hintenrum Geld und war Lieferant seines eigenen Albtraums,

Und sicher erzeugt er ihn stets aus dem Fiebersumpf seines Denkens.

Oft hat er selbst das Übel von Grund auf genährt, um es nun zu bekämpfen,

Siegreich im großen Fanfarenschall, tapfer und furchtlos,

Im Banne des tückischen Wahnsinns der Dialektik,

Blutig und schließlich so grausam und klamm wie nur das Bekämpfte selbst,

Am Ende gar traurig erkennend das Elend des leidend bekämpften Selbst.

 

Drum empfiehlt es sich – doch ich schaffe es kaum –,

Die Schönheit an sich in den Raum zu stellen

Und vollends auf den dualen Kontrast zu verzichten;

Die Freiheit weder zu fordern noch zu erzwingen, sondern frei zu sein an sich

Und frei zu handeln, frei zu denken und frei sich zu entfalten;

In Klarheit eine neue Stadt zu zeichnen und in wahrhaftiger Güte und Fülle

Diese zu erbauen,

Ohne zu kämpfen um irgendein himmlisches oder irdisches Jerusalem,

Ohne zu wüten für und wider die Lüste und Laster von Sodom und Gomorrha,

Ohne zu verteidigen, was voller Unrat ist,

Ohne idiotisch das Fass zu zerschlagen, in dem die Würmer der Finsternis kriechen;

Ohne zu lamentieren und ohne zu heulen und Zähne zu klappern,

Ohne anzuklagen und ohne Lanzen, Kugelspritzen und Donnerkeile zu erheben,

Ohne die analytische Kraft an stupide Zerlegung

Und hoffnungslose, im Sturmwind verhallende Widerlegung

Komplizierter Bosheiten zu vergeuden,

Ohne im stinkenden Schleim der Würglichkeit fremder Geschöpfe zu wühlen.

 

Nun, wie gesagt, ich schaffe es kaum noch, mich für die Reinheit zu läutern,

Denn das Ergründen der Welt im Ganzen ist alte Gewohnheit.

Das kühne Erkunden simpler Intrigen gereichte früher zur Ehre,

Denn einfacher zeigten sich die Strukturen, und Wahrheit trat klarer zutage.

Nun aber schlichen sich Leitungen, Lautsprecher, Bildschirme fest bei mir ein

Und fordern tagtäglich Bedienung und Götzendienst ohne Ende,

Ja selbst Arbeit und Einkünfte fließen auf unbegreiflichen Wegen.

Doch nie zuvor war das Tückengeflecht der Hintermänner und Drahtzieher,

Der Waffen-, Drogen- und Panikhändler, der Stimmungsmacher und Ruheverderber,

Der Möchtegern-Herrscher und Thronaspiranten, der Gleichschaltungsmittel und Einpauktrichter

So unüberschaubar groß und weit, so wechselhaft und stets entfleuchend zugleich.

 

Darum hinaus an das Licht der Sonne und in das goldene Laub des Herbstes,

Darum frei zu den Freien und lachend zu Lachern!

Liebend zu den Liebenden und heiter zu den Heiteren,

Klar in die Räume der Klarheit und wahrlich zur Wahrheit.

Doch sobald dieser Trunk dich vollends gelabt und dein Wesen erneuert,

Stürz dich ins bunte und fröhliche Spiel des wuselnden Lebens.

 

                                                                          Eckehard Junge

                                                                          31. Oktober 2005

 

                                                          Copyright © 2005 Eckehard Junge

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