Das bestürzte Königreich

 

Ein absurdes Wintermärchen

 

Es gibt ein Land, das so manches Jahrzehnt und Jahrhundert im Frieden

Althergebrachter, rechtschaffener Ruhe verweilte,

Anmutend wie ein irdisches Jerusalem der Gemütlichkeit.

Dieses Land, das sicher sich wähnte und abseits der Fluten und Stürme,

Umschmiegt von ruhigen Wassern, umweht von sanften Winden,

Geborgen im Pakt des Atlantik, umkränzt von friedlichen Nachbarn,

Geachtet, gelobt und versponnen in freundlichem Fleiße,

Gemacht für die ehrliche Arbeit der Fischer und Bauern,

Ehrlich verdiente Denkmäler setzend den Dichtern und Philosophen,

Sinnreich entdeckend und nutzend die Nischen der Wirtschaft,

Dieses Land, das gebildet, modern und geschäftstüchtig wurde

Im Rahmen der festen Tradition seiner uralten Geschlechter,

Stammesverbunden im Schlichten und geistreich im Simplen,

Dieses Land, das gründliche Arbeit pflegte, den Acker bebaute in Eintracht,

Das Ordnung und Frieden heilig hielt und die Redlichkeit lobte,

Das andere Länder oft überraschte durch klare Vernunft und heilsame Skepsis,

Das gern auch an Kaffee und Kuchen, Bieren und Schnäpsen sich labte,

Wohnkultur und sinnliche Freuden, Landschaft und Wohlfahrt pflegte

Und seine geliebten Kinder in bunte Markengewänder hüllte –

 

Dieses kleine und innerlich machtvolle Land erlitt ein böses Erwachen,

Scheinbar plötzlich entrissen aus märchenhafter Entrücktheit,

Scheinbar plötzlich platziert auf der Weltkarte eines zerrissenen Globus,

Scheinbar plötzlich gestürzt in das Chaos dort draußen,

Scheinbar plötzlich beladen mit Schuld, die es nicht zu begreifen

Und nicht zu klären vermag im jähen Entsetzen des Aufruhrs.

 

Dieses kleine Land jedoch ging heraus aus sich selbst seit einigen Jahren,

Ging diskret und ganz ohne Not sein Bündnis mit Mächten der Finsternis ein,

Entsandte diskret seine Bomber zum Dauerbeschuss fernster Höhlen,

Zur Vernichtung des mutmaßlich Bösen, des mutmaßlich Drohenden.

Im Glauben an die Wahrheit listvoller Täuschung aus Fremdpropaganda

Schickte es kräftige Kompanien im Bund mit dem Dunklen in ferne Wüsten,

Lud gar den Führer der Dunklen zum Festschmaus in teppichgeschmückte Hallen

Und ließ ihn heben den Becher und schneiden den Kuchen

Am Frühstückstisch der edlen Monarchin und in den Gemächern der Macher

Und sonnte sich kurz in der Gunst eines unguten Großen,

Bis der Große Mann eskortiert von waffenstrotzenden Hummeln

Schreckensreich wieder abflog zu größeren Partnern,

Bei denen es gleich darauf ganz planmäßig knallte.

 

Doch dieses nun ungut gesegnete kleine Land

Lockte schon längst die Multis durch Steuervorteil herbei in den heimischen Hafen,

Ließ sie Paläste errichten und seltsame Konferenzen begehen,

Ließ sie großzügig investieren, erstarkte gar zur Hochburg der Pillendreher,

Ließ sich vom Großkapital finanzieren die Wollust des siechen Sozialstaats,

Trieb Wohnungspreise nach oben im Einklang mit tückischen Planern,

Sahnte ab, wo abzusahnen war, und verkaufte ein gut Stück der eigenen Seele,

Wurde belohnt mit erträglichem Wetter und vollen Regalen der Märkte,

Nährte sich reichlich und protzte schon fast mit Erfolgen,

Holte sich die Geschundenen und Geprügelten ferner Gestade ins Reich

Und ließ nach heimischem Freiheitsrecht ein paar Gäste voll Undank

Missliche Zwietracht säen und krassen Verrat begehen am Gastland.

Überdies erfrechte sich unklug der Religionsfeind aus eigener Presse,

Satirisch zu lästern und niederzumachen, was heilig gilt in der Ferne,

Im Namen der eigenen Freiheit trampelnd auf fremden Gefühlen.

 

Dieses nun zitternde Märchenland wird mit Entsetzen gewahr,

Dass auf die Lust des Hinüberschießens die Pein des Beschossenseins folgt,

Dass nicht ungestraft Schindluder bleibt am Sinnbild des fremden Glaubens,

Dass niemand ohne Vorausschau und Not militante Kolonnen ins Land sich holen

Und eigne Kolonnen zum Kriegsdienst in weite Ferne entsenden sollte,

Dass Rückbesinnung auf heimisches Heiligtum ebenso not tut

Wie Achtung und Ehrung des Heiligen anderer Völker,

Dass Leben mit Leben und Tod mit Tod vergolten wird,

Dass Frieden mit Frieden und Feuer mit Feuer beantwortet wird

Und dass im lieblichen Reiche der Märchen,

Im glücklichen Königreich der Fische, Kartoffeln und bunten Bauklötze,

Uns Fortbestand und unbeschadete Freiheit nur dann gewährt ist,

Wenn Liebe und Fleiß in ruhigem Atem für uns und die Welt ein- und ausgeht.

 

So rette denn, du geliebtes Land,

In weiser Demut die Ehre der eigenen Fahne,

Bewahre die Freiheit der Rede durch sorgsame Auswahl,

Erneuere deinen Ruf durch die Kraft des Anstands,

Verdamme die kalten Entzünder des Hasses,

Entreiße dich aus der trüben Verstrickung,

Erstarke in deiner gewohnten Macht der leisen Vernunft

Und segne die Welt wie gehabt mit den Früchten des Fleißes.

 

Eckehard Junge, 7. Februar 2006

 

Copyright © 2006 Eckehard Junge

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