Aglaia

 

Du schenkst uns alles, was wir fragten,

In deinem sammetweichen Blick,

Und wenn die Zweifel in uns ragten,

Du schlägst sie liebevoll zurück

Mit einem Gluthauch deiner Augen,

Den du aus jener Tiefe ziehst,

Wo du in langdurchträumten Nächten

Aïna in die Seele siehst.

Aïna, jenem Liebesengel,

Aus dem du wirkst, der dich durchwebt,

Der durch die Not der Erdenmängel

Dich sicher an die Sonne hebt

Und dich vor allen Menschen segnet,

Zur Göttin macht, zur Wahrheit kürt,

In deinen Formen uns begegnet

Und uns zur Seligkeit verführt.

Du bist die Schönste, die uns küsste,

Der Morgenstern und Abendstern,

Der Urgrund unsrer stillsten Lüste

Und die Erfüllung nah und fern,

Zu der Aïna uns geleitet,

Wenn auf die Welt aus Stahl und Stein

Sie deine Zauberschwingen breitet

Wie Glockenklang und süßen Wein.

Wenn in der dunklen Stadt der Zeit

Ein Schmerzensschrei die Luft zerreißt;

Wenn hier ein Weib und dort ein Mann

Verzweifelt in die Kissen beißt;

Wenn unter düstern Wolkentürmen

Ein Blitz in junge Unschuld fährt;

Und wenn ein früh verzagter Dichter

Sich tief im Liebesleid verzehrt –

Dann dringt ein Strahl aus Überwelten,

Aus deinem Sehnsuchtsmeer hervor,

Und öffnet den zerschlagnen Herzen

Das goldumrahmte Perlentor

Zu deiner Zärtlichkeit und Wonne,

Zu deines Blickes heißem Wummern,

Und lässt nach süßem Seelenbad

Den tief Durchglühten friedlich schlummern.

Dir wird ein Lohn, den niemand ahnte,

Dir wird ein Sieg, den keiner sah,

Am Ende geht ein Himmel auf

Und zitternd weißt du – du bist da.

 

– Eckehard Junge, August 1985

 

Copyright © 1985 Eckehard Junge

 

Zur Heimatseite

Weitere Gedichte

 

Über den Namen Aglaia: Aglaia [sprich: „Aglaja“] ist eine der drei Chariten und als solche Begleiterin der großen Liebesgöttin Aphrodite. Die Chariten wiederum sind griechische Göttinnen der Anmut. „Aglaia“ bedeutet Glanz, Schönheit, Leuchtkraft.

– Gar nicht mal unpassend, wie ich finde, wurden für die Tochter von Klaus Kinski die Vornamen „Nastassja Aglaia“ gewählt; die Anregung hierzu dürfte dem Dostojewski-Roman „Der Idiot“ entstammen:

<Die Hauptperson ist Fürst Myschkin, ein 27jähriger, äußerst netter, gebildeter, positiver Herr, der keinem etwas zu Leide tut, aber leider unter epileptischen Anfällen leidet. Er kommt in eine Generalsfamilie und wird gut, ja freundlich von allen Mitgliedern aufgenommen. Es geht im Laufe des Romans hauptsächlich um seine Beziehungen zu Aglaja, der jüngsten Tochter dieser Familie, und zu Nastassja, einer bildschönen aber Gefallenen und psychisch Kranken. Aus beiden Beziehungen kann sich auf Dauer nichts entwickeln.> (http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a167.html, Beitrag von „Sieghard“ am 21.9.2001)