Abraxas

 

Laßt Orgeln orgeln

Ihre Hymnen an Gott und Teufel

In stürmischer Nacht                                                                             

Oder sternklar-ruhiger.

Doch in der Nacht.

 

Ihre Lieder hören

Für die sie bestimmt sind,

Auch und gerade ohne

Wegschilder am Kreuzweg,

Ohne bequeme Laterne.

 

Hört genau zu, ihr Suchenden dieses Zeitalters:

Orgeln in der Nacht, in einsamen Kirchen

Gespielt von Gezeichneten, lügen nicht.

 

Sie leugnen nicht die Wollust

Derer die jetzt zusammenliegen,

Sie huldigen ihr.

Sie huldigen aber auch

Den Erzengeln und ihren Erschaffern.

 

Sie predigen das Leben und die Liebe,

Die Meditation und die Ekstase –

Jedes Menschen Weg, Hoffnung, Umweg,

Verzweiflung und Freude.

Denn jeder führt zu seinem Ziel.

 

Die letzte hungrige Kirchenmaus

Ist göttlich

Im Spiel der Orgeln

In der Nacht.

 

Ein Evangelium für die Gezeichneten

Rauscht durch die Nacht,

Duftend, wohlklingend, strahlend,

Heiß und strotzend, brausend und sprudelnd:

 

Nimm all Deine Sinne zusammen

Und nimm wahr,

Öffne dich, hör, sieh und sei:

Es gibt keine ewige Schuld! Sei frei!

 

Wenn du etwas lockerer wärst,

Dann könntest du sie hören.

 

                                  Eckehard Junge, 2. August 1973

                                                Copyright © 1973, 2005 Eckehard Junge

                                                                     Foto: Martin Jahn, München

 

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Abraxas: religiös-mystisches Zauberwort des Altertums. Der Zahlenwert der sieben griechischen Buchstaben (heilige Siebenzahl) ergibt für das Wort Abraxas 365, weshalb nach alter Vorstellung hierin das gesamte Dasein eingeschlossen ist; der Überlieferung nach auch gnostische Bezeichnung für das Höchste Wesen.