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AUCH MAL WAS POSITIVES

LICHTBLICKE

20. September 2014: Um wieder aufzutanken, gibt es zum Glück erfreuliche Stimmen, die sich an heiligen Quellen gestärkt haben, zum Beispiel an originaler Weiblichkeit oder robuster Männlichkeit, an der unermesslichen Weite des Selbst und dessen verlässlicher Subjektivität – oder an der Engelschau gemäß Uroffenbarung, vielleicht sogar in katholischen Himmelsvisionen. Als Erstes ein Anblick für müde Augen und ein Ohrenschmaus für enttäuschte Seelen: Linda Hesse, Ich bin ja kein Mann. Ultimativ bezaubernd.

 

Lichtblick Nr. 2: ein Autor, der vielen offenbar bereits bekannt ist, mir jedoch neulich erstmals begegnete. Er sagt vieles aus, was ich selbst in letzter Zeit sagen wollte, und er sagt es poetisch und mit unerwartetem Tiefgang: Khalil Gibran. Hier ein Beispiel:

Von der Selbsterkenntnis

Und ein Mann sagte: Sprich zu uns von der Selbsterkenntnis.

Und er antwortete und sagte:

Euer Herz weiß schweigend um die Geheimnisse der Tage und der Nächte.

Doch eure Ohren dürsten nach dem Klang des Wissens eures Herzens.

Ihr möchtet in Worten wissen, was ihr immer schon in Gedanken gewusst habt.

Ihr möchtet mit euren Fingern den nackten Körper eurer Träume berühren.

Und das ist auch gut so.

Die verborgene Quelle eurer Seele muss aufsteigen und murmelnd zum Meer fließen;

Und der Schatz eurer unendlichen Tiefen möchte euren Augen offenbart werden.

Legt jedoch eure unbekannten Schätze nicht auf die Waagschale;

Und versucht nicht, die Tiefen eures Wissens mit Elle oder Lot zu ergründen.

Denn das Selbst ist wie ein Meer, grenzenlos und unermesslich.

Sagt nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“, sondern: „Ich habe eine Wahrheit gefunden.“

Sagt nicht: „Ich habe den Pfad der Seele gefunden“, sondern: „Ich bin auf meinem Pfad der Seele begegnet.“

Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden.

Die Seele wandelt nicht nur auf einer Linie, und genausowenig wächst sie wie ein Schilfgras.

Die Seele entfaltet sich wie eine Lotosblüte mit unzähligen Blütenblättern.

 

– Khalil Gibran, „Der Prophet“, S. 61/62, Diogenes Taschenbuch 2008, Originaltitel 1923: The Prophet.

Lichtblick Nr. 3 entstammt einem wunderbaren Buch von 1956, Die Engel, von Otto Hophan. Staunend stelle ich fest, dass der Autor auf 360 Seiten in dichterischer und doch exakter Sprache festgehalten hat, was er in seinem katholischen Umfeld tatsächlich als gesicherte Offenbarung bezeichnet. „Gesicherte Offenbarung“, stellen Sie sich das mal vor! Hätte ich auch gern! Aber allein schon als eine äußerst erbauliche spirituelle Quelle, selbst wenn es „nur“ Imagination wäre, ist dieses Werk weitaus mehr als Gold wert. Je größer der Chor der andachtsvollen Sänger, die da mit einstimmen könnten, umso besser. Hier ein Auszug:

Die Engel des Frühlichts

... In der ersten Frühe der Zeit erglühten die Firne der Schöpfung. Von den die Himmel berührenden Höhen rieselte, flutete in immer breiter werdenden Strömen das Licht hernieder bis zu den Hügeln der schlichten Engel.

O der Herrlichkeit schon der irdischen Sonnenaufgänge auf den Bergen, still und alltäglich, und doch jedes Mal neu und erhaben, dass man den Atem anhält und die Hände faltet wie in einem Heiligtum. In leisem, innigem Rot erglühen die schneeigen Kuppen. Ekstase der Liebe. Dann wandelt sich das rosenfarbene Licht zum fließenden Gold, jetzt ist es blendendes Weiß. Es hält nicht still auf den Spitzen. Es springt hinüber zu den zweithöchsten Bergen und weckt sie aus Schatten und Schweigen ins leuchtende Dasein. Es umkleidet die Nacktheit der Felsen, eilt weiter hinunter zu den Bergen der Mitte, sodass sie freudig erwachen vom Schlaf. Es tastet sich weiter hinab zu den ersten Wäldern, dann noch tiefer zu den milden Hügeln, bis in die Tiefe des Tals. Allen schenkt sich das Licht der Frühe. Keinen umgeht es, keiner verhält es.

Sinnbild der Engel des Frühlichts.

Die ewige Sonne brachte zum Erglühen die „Seraphim“, umstrahlte die „Cherubim“ mit goldener Pracht und kleidete die „Throne“ in grelles Weiß.

Das Licht blieb nicht stehen an diesen Himmeln, wie Josua es einmal der Sonne befahl. Es wogte weiter zu den „Herrschaften“, kraftvoll erstrahlten die „Kräfte“, in Hoheit erstanden die „Mächte“.

Doch keiner von all diesen Chören forderte: wir sind des Lichtes genug. Das Licht stieg talwärts zu den erlauchten „Fürstentümern“; es tauchte die „Erzengel“ in seinen Glanz, es ergoss sich über die weiten Flächen der gewöhnlichen „Engel“.

Ein Paradies des Lichtes, ein Meer des Lichtes, verschieden verteilt, verschieden verschenkt, verschieden empfangen. Doch Licht alle!

Creator alme siderum – Hehrer Schöpfer aller Sterne, aller Sterne ...

– Otto Hophan, Die Engel, S. 94; erschienen 1956 bei Buchdruckerei Räber & Cie., Luzern, Schweiz.

 

 

 

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