Der Leviathan

 

Das seltsame Wort „Leviathan“ bedarf einer Erklärung. Im Hebräischen hatte „livyathan“ offenbar die Grundbedeutung „gewundenes Tier“ (Drache, Schlange, Seeungeheuer). Der Leviathan war im Alten Testament der Chaosdrache der Urzeit, ein mythologisches Ungeheuer, das aus Babylon bzw. Kanaan übernommen wurde. Im Anhang der revidierten Lutherbibel von 1984 wird der Leviathan (Leviatan) als eine bildliche Verkörperung der Mächte definiert, die sich Gottes Schöpfermacht entgegenstellen und von ihm besiegt werden; in der Vorstellung sei es ein mehrköpfiges Seeungeheuer (Drache), das sich zusammen mit der Urflut gegen Gott auflehnt (Psalm 74, 13-14). Bei Jesaja 27,1 ist es die Personifikation der gottfeindlichen Mächte. Bei Hiob, Kapitel 40/41, bezieht sich der Ausdruck auf ein gewaltiges Krokodil, das als ein Gleichnis für göttliche Schöpferkraft und Macht vor Augen geführt wird. Sinnbildlich steht der Ausdruck „Leviathan“ auch für Ägypten (sicher wegen der Nilkrokodile). Vielleicht hat es vor Urzeiten auch wirklich Drachen gegeben, entweder Überreste der Saurierpopulation oder echte, feuerspeiende Riesenechsen. All diese Sagen, Märchen und chinesischen Prozessionen entstanden nicht aus der blauen Luft heraus.

Auszug aus Hiob, Kap. 40, Vers 25-28 und 32, sowie Kap. 41, Vers 1: „Kannst du den Leviathan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen? Kannst du ihm ein Binsenseil an die Nase legen und mit einem Haken ihm die Backen durchbohren? Meinst du, er wird dich lang um Gnade bitten oder dir süße Worte geben? Meinst du, er wird einen Bund mit dir schließen, dass du ihn für immer zum Knecht bekommst? ... Lege deine Hand an ihn! An DEN Kampf wirst du denken und es nicht wieder tun! Siehe, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden.“

Der englische Philosoph Thomas Hobbes (17. Jh.) benutzte den Ausdruck „Leviathan“ in einem Buchtitel von 1651 sinnbildlich für den allmächtigen Staat, der durch Machtverzicht der Einzelpersonen entstanden ist, niemandem rechenschaftspflichtig ist und sich somit als „sterblicher Gott“ aufführt. Hobbes behauptete, der Naturzustand des Menschen sei „Jeder gegen jeden“; deshalb müsse aus Sicherheitsgründen dem Staat die absolute Macht übertragen werden. Der Staat entscheidet sodann über Gut und Böse. Damit wird eine uneingeschränkte Tyrannei gerechtfertigt, denn es gibt in diesem Weltbild keinen Gott und keinen nach seinem Bilde geschaffenen Menschen. Im heutigen Lexikon ist der „Leviathan“ zwar zu einer harmlosen Waschmaschine für die Entfettung und Reinigung von Wolle degeneriert, aber die vorläufige Abkehr vom Mythos bedeutet keineswegs, dass wir vor dem Leviathan geschützt sind. Denn auch heute gibt es Leute, die – wie schon die Nazis und die Kommunisten – den Einzelnen von seiner gottgegebenen Verantwortung „befreien“ wollen, um alle Entscheidungen in den Händen einer kleinen Clique, d.h. einer Oligarchie (also eines „mehrköpfigen Ungeheuers“), oder bei einer polizeistaatlichen Weltregierung oder in den elektronischen Labyrinthen eines künstlichen Zentralgehirns zu bündeln; so wandelt sich das Tier schließlich zur Maschine.

– Eckehard Junge, 21. August 2006

Copyright © 2006 Eckehard Junge

 

PS: Meyers Konversationslexikon von 1888 wartet mit einer interessanten Information auf:

Leviathan, im Buch Hiob (Kap. 40, 25 ff.) erwähntes Tier, wahrscheinlich das Krokodil, in der talmudischen Sage der Fisch, den die Auserwählten im Paradies essen werden, und aus dessen Haut ihnen ein Zelt bereitet wird; auch Name eines Riesendampfschiffs.

Siehe dazu auch meine Satire Der Aufstand der Krokodile.

Oder schalten Sie von hier zurück zum Artikel über die Thule-Gesellschaft, wo das Wort „Leviathan“ in einem besonders dramatischen Zusammenhang vorkommt.

 

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