Rüste deine Feinde auf

 

Wenn es dir zu langweilig wird, wenn dich der Hafer sticht, wenn die Siege dir zu leicht fallen und das Ergebnis allzu vorhersagbar ist, dann rüste deine Feinde auf. Lass dich nicht lumpen! Gib ihnen alles, was du hast, und eine widrige Zukunft ist dir gewiss.

Wenn du zu viele Freunde hast, erzähl ihnen von deinen Missetaten. Lasse in diesem löblichen Unterfangen nicht nach. Mach dir systematisch Feinde, und rüste sie auf. Beweise ihnen, was für einen schlechten Charakter du hast, und falls du keinen solchen hast, dann erfinde einen. Drück auf die Tube. Geh mit Käsefüßen. Mach dir Flecken auf den Anzug. Zeig ihnen deine Pornosammlung. Sag ihnen, wie groß deine Schulden sind. Mach weitere Schulden und zahle sie nicht zurück. Jammere über jedes Wehwehchen. Kriege nix auf die Reihe, oder tu so als ob. Früher oder später wendet sich der Gast mit Grausen, die Taschen prallvoll mit Munition, um dich bei nächster Gelegenheit fertigzumachen.

Mach es wie die Deutsche Reichsregierung im Jahre 1917. Schick den Russen einen Revoluzzer, schick ihnen Lenin in einem versiegelten Zug, und statte ihn mit allen Finanzen aus, die er braucht, um den Kommunismus hochzuziehen. Denke dir, es wird sein Gutes haben, denn zuerst wird es den Kriegsgegner für ein paar Jahre schwächen und in Verwirrung stürzen. Dann aber wird dir ein Feind erstarken, wie du ihn nie gesehen hast. Die roten Horden werden an deine Grenzen branden und du wirst kämpfen und rüsten müssen, was das Zeug hält. Rüste deine Feinde auf. Wieso nicht. Es ist ja sonst zu langweilig hier.

Gib deinem Ansehen keine Chance. Verunglimpfe dich selbst. Ruiniere deine eigene Übermacht. Sieh zu, dass deine Feinde mächtig bleiben. Beleidige sie regelmäßig, damit sie deine Feinde bleiben. Du hast ja offenbar nicht genug davon. Male das Bild deiner Feinde so schrecklich, dass keiner mehr hingucken kann; denn umso schlimmer werden sie sein.

Mach es wie das Deutsche Reich zu Anfang der 20er Jahre, das hartnäckig die Sowjetunion aufrüstete. Mach es wie die Amerikaner in den 80er Jahren, die stur und freigebig den Irak aufrüsteten, Osama bin Laden in der Kunst der Sabotage ausbildeten und obendrein die Taliban mit großzügigen Subventionen aufpäppelten. Schwelge jederzeit in dem Irrtum, die Feinde deiner Feinde seien deine Freunde. Mach dir das Leben schwer. Nähre deine Feinde. Mach sie groß. Rüste sie auf, was das Zeug hält.

Mach es wie das FBI im Jahre 1993. Heuere einen ägyptischen Ex-Offizier namens Emad Salem an, zahle ihm eine Million Dollar, versorge ihn mit echten Sprengstoffen samt Zünder und weise ihn an, eine Bombe zu bauen, damit er seine Handlanger einen Bombenanschlag auf das World Trade Center verüben lassen kann.

Mach es wie Deutschland im Jahre 2005. Verkaufe Waffen in alle Welt und sei, während du vom Frieden daherpiepsen tust, der viertgrößte Waffenexporteur auf dem Planeten. Rüste sie alle auf. Sorge dafür, dass sie bis an die Zähne bewaffnet sind, und fördere im eigenen Land den Pazifismus. Jammere der Bevölkerung vor, wie betroffen du bist, moralisch entrüstet ob all der Grausamkeiten dort draußen in der Welt. Und dulde im eigenen Land keine Machos. Kultiviere den Softie.

Lass an dir selbst kein gutes Haar. Beschmutze dein eigenes Nest. Besudele deine Ehre. Lass dich von Filmemachern und Zeitungsfritzen verleumden in aller Welt. Beschwöre einen Zustand herauf, der als umgekehrte Kolonialisierung bezeichnet werden kann – einst ging die Welle hinaus, jetzt schwappt sie allmählich wieder zurück. Die Franzosen machen, um diese Gefahr zu erhöhen, auf der weltweiten Liste der Rüstungsexporte die Nummer drei, die Amerikaner die Nummer zwei, und am allerschlimmsten treibt es inzwischen Russland als Waffenexporteur Nummer eins – jedenfalls mengenmäßig. Und erzähle ihnen allen, dass du selber nichts drauf hast, dass du selber nichts taugst, dass du mea maxima culpa* auf dich geladen hast und dass du eine kleine weiße Taube mit einem Lorbeerzweig im Schnabel bist, die viele Kredite aufnehmen muss.

Mach dich völlig lächerlich. Mach das Gegenteil von dem, was du sagst. Bewaffne deine Feinde, deine Rivalen, deine Konkurrenten und die auch dich hassenden Feinde deiner Feinde. Und dann schimpfe wie ein Rohrspatz, sobald sie die Waffen tatsächlich benutzen. Lass deiner sittlichen Empörung freien Lauf. Betone dein Recht auf Präventionskriege und vorbeugende Militärschläge. Sei ein unbeschreibliches Arschloch. Mach dich unglaubwürdig. Rüste deine Feinde auf.

 

                                                  Eckehard Junge, 19. Juni 2006

        

*) mea maxima culpa = meine ach so große Schuld

 

Siehe hierzu auch den Artikel: Haferstechen im Pali-Kanon

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Copyright © 2006 Eckehard Junge

Foto: Martin Jahn, München

 

 

NACHTRAG: <Wer erinnert sich nicht an die 360 Tonnen Bargeld, die der US-Statthalter im Irak, Paul Bremer, gleich nach dem Einmarsch in Bagdad einfliegen liess? Von den 12 Milliarden Dollar, mit denen Dienstleistungen aller Art entschädigt werden sollten, verschwanden 8,8 Milliarden in den Taschen von Unbekannten. Oder: Im Juli 2007 stellt sich heraus, dass niemand weiss, was mit rund 190 000 Waffen geschehen ist, die für die irakischen Sicherheitskräfte bestimmt waren; das heisst, jedes dritte der von den USA in den Irak gelieferten Gewehre ging im Kampfgebiet "verloren".> (WOZ, Die Wochenzeitung, 5. Juni 2008, http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2008/nr23/Wirtschaft/16441.html) <Das Washingtoner Verteidigungsministerium hat keine Ahnung vom Verbleib von 190 000 AK-47-Sturmgewehren und Pistolen, die von amerikanischen Ausbildern an irakische Sicherheitskräfte ausgegeben wurden. In einem neuen Report des Government Accountability Office (GAO), einer unabhängigen Kontroll- und Aufsichtsbehörde des Kongresses, heisst es, insgesamt seien 110 000 AK-47-Gewehre sowie 80 000 Pistolen nicht mehr auffindbar. - Experten in Washington wollten gestern nicht ausschliessen, dass die Waffen in die Hände schiitischer Milizen gelangt sind und nun gegen amerikanische Soldaten eingesetzt werden. Die «Washington Post» zitierte einen ungenannten hochrangigen Pentagon-Offiziellen, demzufolge einige der Waffen wahrscheinlich im Kampf gegen GIs verwendet werden. ... Die Waffen verschwanden laut dem GAO-Bericht in den Jahren 2004 und 2005, als der jetzige Oberbefehlshaber im Irak, General David Petraeus, für die Ausbildung und Bewaffnung irakischer Polizei- und Armeeeinheiten verantwortlich war. Petraeus wurde in amerikanischen Medien in jüngster Zeit wiederholt kritisiert, weil er damals in öffentlichen Stellungnahmen den Fortschritt und die Zahl kampfbereiter irakischer Einheiten übertrieben hatte. Insgesamt hat die Regierung Bush seit 2003 19,2 Milliarden Dollar für Training und Bewaffnung irakischer Militär- und Polizeieinheiten ausgegeben.> (Tagesanzeiger, Schweiz, 7. August 2007, "Das Pentagon vermisst im Irak 190.000 Sturmgewehre und Pistolen", von Martin Kilian;  http://sc.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/779400.html)

 

 

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